Warum ich nicht vegan bin

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Es gibt mehrere Gründe, warum ich persönlich nicht vegan bin. Nachdem ich aber immer wieder danach gefragt werde, habe ich mir gedacht, dass ich die Gründe hier einmal aufführe. 

  1. Der Mensch ist ein Allesfresser. Das war er immer schon und ohne Supplementierung (zumindest B12) ist eine vegane Ernährung langfristig nicht möglich. Damit ist es keine natürliche, “artgerechte” Ernährung für mich. 
  2. Es gibt keine einzige vegane Kultur auf der Erde. Zumindest keine, die alle, auch Schwangere und Kinder, vegan ernährt. Menschen sind extrem anpassungsfähig und flexibel, was ihre Ernährung betrifft. Wir können von praktisch allem leben. Es gibt Völker, die essen das Blut (aus Aderlaß! Vom lebenden Tier!) ihrer Kühe, vermischt mit deren Milch. Andere leben vegetarisch mit nur kleinen Mengen an Fleisch. Einige essen viel Fisch. Andere viele Hülsenfrüchte und Getreide. Oder Käse und Brot. Oder Walfett. Wir Menschen können von fast allem leben – trotzdem gibt es auf der ganzen Welt keine Kultur, die rein pflanzlich lebt. (Wenn es eine gibt, kann sie weder besonders erfolgreich noch besonders fruchtbar sein, sondern vermutlich am ehesten ein kleines Naturvolk, das evtl genetisch angepasst ist – aber auch das ist mir noch nicht untergekommen). Damit scheint “vegan” keine überlebensfähige, gesunde Ernährung für den Menschen zu sein. 
  3. Wenn man sich traditionelle Kulturen anschaut, dann haben die gesündesten Völker immer sehr ähnliche Kriterien in der Ernährung und keines davon lebt vegan (oder auch nur vegetarisch). Für Kinder und Schwangere wird dann besonders Wert auf bestimmte tierische Produkte (Eidotter, Leber,..) gelegt, die als besonders wichtig erachtet werden, um Kinder gesund zu halten, oder eine gesunde Schwangerschaft zu garantieren. (Wer sich für das Thema interessiert, soll sich die Arbeit von Weston Price ansehen, der in den 1930er Jahren dazu geforscht hat). 
  4. Nachhaltige, biologische, klimaschonenden Landwirtschaft ist vegan nicht möglich. Dazu haben wir auch diesen Artikel geschrieben. Ich finde auch, dass uns der Versuch, möglichst vegan zu leben, beim Klimaschutz und in der nachhaltigen Landwirtschaft in die falsche Richtung führt und genau die Pioniere in der nachhaltigen, artgerechten Tierhaltung und Landwirtschaft behindert und schlecht redet, die wir dazu brauchen. 
  5. Ich war schon 1995 mal vegan – für einige Monate. Ich habe dann wieder damit aufgehört, weil es mir damit einfach nicht gut ging. Ich habe wesentlich mehr Energie, wenn ich tierische Produkte esse. (Es gibt übrigens auch Studien, die eine erhöhte Zufuhr von tierischen Produkten bei Kindern mit erhöhter Intelligenz in Verbindung bringen). 
  6. Ich finde, dass der Tod an sich nicht Schlimmes ist. Jedes Leben muss sterben und Platz für Neues machen. Ich persönlich finde es nicht schlimm, DASS man oder etwas stirbt – sondern nur, wie man lebt und WIE man stirbt.
    Jedes Tier (auch der Mensch) muss töten um zu leben.Wir sind heterotroph. Das lässt sich nicht vermeiden. Es gehört für mich zum natürlichen Kreislauf des Lebens, dass der Tod dazu gehört. Wenn ich es nicht ändern kann, dass ich etwas töten muss (egal ob Pflanze oder Tier; auch Pflanzen wollen leben. Wir haben nur mehr Mitleid mit den Tieren, weil sie uns ähnlicher sind und unsere Empathie deswegen hier ausgeprägter ist), dann geht es vor allem darum, wie respektvoll ich mit dem Leben umgehe, das für mich stirbt (aber auch: wegen mir lebt! Denn diese Tiere wären ja nie geboren worden, wenn sie nicht als unserer Nahrung dienen würden). Es ist dann – meiner persönlichen Meinung nach – meine Verantwortung dafür zu sorgen, dass das Leben des Tieres, das wegen mir und für mich lebt und stirbt, so gut wie möglich ist und dass der Tod so stresslos und schmerzfrei wie möglich ist. Es darf nicht sein, dass wir aus Geldgier oder Nachlässigkeit Tiere qualvoll durch halb Europa karren (weil es teurer ist, wenn wir das Fleisch gekühlt transportieren oder weil die Schlachthäuser in anderen Ländern billiger produzieren) oder dass wir sie in engen Käfigen halten, weil das Fleisch dann billiger wird. 
  7. Auch der Wolf hat seine Berechtigung. Man muss sich auch darüber im Klaren sein, dass auch die Raubtiere eine ganz wichtige Rolle im Ökosystem haben. Denn sie erhalten das System gesund und sind nicht einfach nur “böse Mörder”.
    Da gibt es diese tolle Geschichte von den Wölfen, die im Yosemite Nationalpark in den USA wieder eingeführt haben. Durch die Wölfe gibt es zwar jetzt weniger Rehe – aber mehr Singvögel, Hasen, Mäuse, Falken, Biber, Bisamratten, Otter, Enten und sogar Bären. Durch die Anwesenheit der Wölfe konnten sich Teile der Waldgebiete erholen – und die Höhe einiger Bäume hat sich in nur 6 Jahren teilweise verfünffacht. Sogar die Geografie hat sich durch die Anwesenheit der Wölfe verändert: denn durch die Wölfe konnten die Rehe nicht mehr ganz so “sorglos” am Flussufer äsen. Dadurch wurden die kleinen Baumtriebe, die am Ufer wuchsen, nicht immer sofort von den Rehen abgefressen und hatten eine Chance, größer zu werden. Durch ihre Wurzeln hat sich das Flussufer stabilisiert und als es dann vermehrt geregnet hat, war der Fluss stabiler in seinem Bett und hat nicht mehr die großen Überflutungen weiter unten im Tal ausgelöst, wie er es vorher immer gemacht hatte. Jedes Tier spielt eine wichtige Rolle im gesamten Ökosystem – sogenannte “trophische Kaskaden” werden durch die Raubtiere an der Spitze der Nahrungskette ausgelöst. In jedem Ökosystem muss irgendjemand der Wolf sein. Der Wolf ist nützlich und wichtig. Wenn wir der Wolf in unserem Ökosystem sind, dann ist es auch unsere Aufgabe, die wir mit Verantwortung tragen sollten. 
  8. Es ist für mich keine Option Vegetarier zu werden, denn ich finde “Fleischtierhaltung” in den meisten Fällen wesentlich schöner fürs Tier als “Milchtierhaltung”. In einer gut gemachten Weidehaltung mit Mutterkuhhaltung wächst das Kalb mit der Mutter zusammen auf der Weide auf (in Ö teilweise auf der Alm) und lebt dort bis zu seinem Tod in der Herde. Wenn der Transport und die Schlachtung mit Sorgfalt und Verantwortung durchgeführt wird (da gibt es in Österreich und Deutschland schon tolle Projekte mit stressloser Schlachtung!), dann ist das zwar vielleicht ein kurzes, aber dafür ein schönes und artgerechtes Leben für das Kalb. Im Vergleich dazu haben es die Milchkühe nicht so schön. In den aller-allermeisten Fällen wird das Kalb sofort nach der Geburt von der Mutter getrennt, meistens in ganz kleine “Einzelhaftboxen” gesteckt und muss dann getrennt aufwachsen (kommt dann oft in einen Kälber-Kindergarten und hat ein relativ schönes Leben – aber die Trennung ist auch für die Mutter nicht einfach zu verkraften). Auch hier gibt es zum Glück schon schöne Projekte, bei denen das Kalb eine Zeitlang bei der Mutter bleiben darf. Aber in den meisten Fällen werden sie getrennt – auch bei der gut gemachten Bio-Haltung. (Und ja, eine Kuh muss jedes Jahr ein Kalb bekommen, sonst gibt sie keine Milch….) Hühner sind ein schwieriges Thema, weil die modernen Rassen inzwischen schon nach 4-5 Wochen ihr Schlachtgewicht erreichen. Es sprengt aber den Rahmen dieser Diskussion, auf jeden dieser Punkte näher einzugehen. Nur kurz gesagt: ich sehe für mich nicht, wie es für die Tiere wesentlich besser sein soll, wenn ich Vegetarier bin statt auch Fleisch zu essen. Es geht für mich eher darum, wirklich zu hinterfragen wie die Tiere gehalten wurden und mit meinen Kaufentscheidungen dazu beizutragen, dass wirklich artgerechte und gut gemachte Landwirtschaft unterstützt wird, dass Bauern dafür angemessen bezahlt werden und dass immer mehr solche Projekte entstehen. 

Das alles sind meine ganz persönlichen und privaten Ansichten und Meinungen. Ich hinterfrage diese Standpunkte immer wieder mal und bin nicht leichtfertig oder gedankenlos zu meinem Standpunkt gekommen, sondern über viele Jahre – in denen ich mich sehr intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt habe. 

Ich kann die Sehnsucht, durch sein Verhalten möglichst wenig oder kein Leid anzurichten, nachvollziehen und verstehen. Diese Sehnsucht habe ich auch. Ich bin selbst extrem tierlieb, habe selber Tiere und würde mir auch wünschen, dass ein “artgerechtes” Leben für Menschen möglich wäre, ohne dass man dafür töten muss. Ich bin mir nur nicht sicher, wie das funktionieren soll. 

Ich persönlich glaube nicht, dass “vegan” dafür die Antwort ist. Damit macht man es sich meiner Meinung nach zu leicht. Man schert damit einiges über einen Kamm, vereinfacht ein paar Dinge, die, meiner Meinung nach, nicht so vereinfacht dargestellt werden sollten und ignoriert vieles. Es ist für mich die zu simple Lösung für ein komplexen Problem, die in Wahrheit keine Lösung ist, sondern nur ein gutes Gewissen machen soll. Außerdem lässt es sich brilliant vermarkten und viele verdienen im Moment Unsummen daran, dass sie den Menschen ein gutes Gewissen verkaufen. Das ist mir zu billig. 

Wir werden die Probleme, die unser Leben und unsere Ernährung auf dem Planeten verursacht nicht dadurch lösen, dass wir einfach alle auf vegane Fertigprodukte umsteigen und die Probleme, die die Landwirtschaft heute hat, einfach den Bauern hinschieben, die damit vor unlösbare Probleme gestellt werden (denn sie sollen ja nicht “spritzen”, aber Mist dürfen sie auch keinen mehr verwenden – und das alles bei immer kleineren Preisen, die wir willens sind zu zahlen.)

Ich kann es verstehen und respektieren, wenn andere zu einem oder mehreren dieser Punkte ganz andere Ansichten haben. Ich freue mich auch immer über eine sachliche Diskussion.

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